13. Zurich Film Festival: stage-on-air auf dem grünen Teppich

Am 13. Zurich Film Festival konnten die Teilnehmenden des Beschäftigungsprogrammes stage-on-air Hollywood-Luft schnuppern. Neben einem Gang über den grünen Teppich, standen auch diverse Kinobesuche auf dem Programm. Egal ob Dokumentationen, Kurzfilme oder Blockbuster, es war für jeden Teilnehmenden etwas dabei:

 

Pre-Crime

ein Dokumentarfilm von Matthias Heeder und Monika Hielscher

In der heutigen Internetwelt hinterlassen wir mit jedem Klick Datenspuren, welche als Indizien für unsere Absichten und Interessen gebraucht werden können. Diese Daten dienen als Futter für Polizei-Software, um mit Rechnern Verbrechensvorhersagen zu generieren. Anhand dieser Prognosen können potentielle Straftäter ins Visier genommen und gezielt überwacht werden. Tönt bestechend. Aber was, wenn die Rechenmaschinen mit falschen oder unvollständigen Datensätzen gefüttert werden? Wie wird dann verhindert, dass Unschuldige unter Verdacht und damit in sehr unangenehme Situationen geraten?  

Dieser Hintergrundfilm feiert seine Schweizer Premiere in Zürich (Premiere in Toronto Frühjahr 2017). Er wurde von den Dokumentarfilmern Matthias Heeder und Monika Hielscher gemacht und trägt Erfahrungen von den Anwendungsorten Chicago, London, Paris, München und Berlin zusammen. Auch Ins-Fadenkreuz-der-Justiz-Geratene kommen zu Wort und schildern ihre Erlebnisse.

Der Dokumentarfilm mit dem sehr aktuellen Thema zeigt zwar die Möglichkeiten eines Instrumentes zur Verbrechensbekämpfung auf, kratzt aber bloss an der Oberfläche der immens vielschichtigen Thematik, da die Informationen von streng geheim gehaltenen Algorithmen ohne menschliches Gewissen gesammelt werden. Problematisch ist neben dem undurchsichtigen Algorithmus auch der Umstand, dass die von privaten Quellen gesammelten Daten an den Staat verkauft und von diesem verwendet werden. Auch vor dem Verbrechen digital gespeicherte Beobachtungen werden herbeigezogen, um die Straftat nachträglich zu durchleuchten und das System feiner abzustimmen – was dringend nötig ist.

(Dieser Bericht wurde von Stagiaire T.W. verfasst.)

 

Nadie nos mira

Nico, ein berühmter und ausgezeichneter TV-Serien-Star aus Argentinien, versucht in New York ein neues Filmprojekt anzugehen. Dabei hofft er innig, endlich eine internationale Filmkarriere zu starten. Doch seitdem er in die USA ausgewandert ist, muss er seinen Traum von der Karriere aufgeben und sein Leben voll und ganz umkrempeln.

Um im Land der unbegrenzten Möglichkeiten überleben zu können, ist er gezwungen, sich mit einfachen Minijobs wie Kellner und Babysitter durchzuschlagen. Der Latino sieht ein, dass seine Traumwelt-Blase zerplatzen könnte. Wut, Selbstzweifel und der Kampf mit seinen inneren Widerständen nehmen ihren Lauf. Ein Künstler auf der Suche nach Liebe, Hoffnung, Heimat und Traum.

Die Hauptfigur im Film hinterlässt keine besonders interessante oder auffällige Schauspieldarbietung. Dies widerspiegelt sich ebenso in der Thematik des Films. Weder Drama, Spannung noch grosse Gefühle sind zu spüren. Ein entäuschend flacher und ausdrucksloser Film.

Nadie nos mira ist ein simpler Spielfilm – höchstens geeignet für einen „gemütlichen“ und „langweiligen“ TV-Abend zu Hause.

(Dieser Artikel wurde von Stagiaire M.R verfasst.)

 

Impreza - das Fest

Es handelt sich um einen Dokumentarfilm, der das Spannungsfeld zwischen deutscher Erziehung und Meinungsbildung mit der polnischen aufzeigt. Die Regisseurin und gleichzeitig Protagonistin Alexandra Wesolowski zeichnet ein Portrait ihrer eigenen polnischen Familie.

Ausgangspunkt sind die Vorbereitungen zu Danutas und Maciejs Goldener Hochzeit in der polnischen Hauptstadt Warschau. Auch Alexandra, die Nichte aus Deutschland, trifft ein, um den Feierlichkeiten beizuwohnen. Sehr schnell kommt es am Küchentisch und im Wohnzimmer zwischen Alexandra und den Jubilaren zu Gesprächen über die Politik. Es wird deutlich, dass die gesamte polnische Verwandtschaft sehr geprägt ist von der Akzeptanz der Massnahmen der aktuellen rechtskonservativen PIS-Regierung. Auch bei Fragen zur Sexualmoral, Abtreibung und zur Weigerung, Migranten aufzunehmen, zieht die polnische Familie in eine sehr konservativ-nationalistische Richtung. Diese Haltung „ist die Meinung der Mehrheit im Land und daher ist sie auch richtig“, so ein Fazit von Danuta. Sehr schnell steht Alexandra mit ihren „liberalen“ Ansichten alleine da. Sie wird von den polnischen Verwandten als Opfer westlicher Propaganda belächelt und kritisch betrachtet.

Der Film ist sehenswert, wenn man sich in die Befindlichkeiten der polnischen Gesellschaft einfühlen will. Immerhin ist Polen ein grosses Land mit 60 Millionen Einwohnern und spielt somit wirtschaftlich und gesellschaftlich keine kleine Rolle innerhalb der EU. Wichtig für das Verständnis ist, dass das polnische Volk historisch sehr gebeutelt wurde. Bedrückend, aber nicht überraschend ist daher für mich das durchwegs rechtskonservative Meinungsbild und die Europaskepsis.

Auffallend ist, dass ausser den kritischen Nachfragen der Regisseurin und Akteurin selbst und einer kurzen Szene mit der Nichte, die von einem Streit mit deren Freundin berichtete, keinerlei Systemkritik aufkommt. Hier hätte man sich ein Mehr an Diskussion und dafür weniger an Interview gewünscht, da fast nur Fragen gestellt und diese durch die polnischen Verwandten beantwortet wurden. Viele Aussagen waren sehr platt. Gerade dort wäre es spannend gewesen, konkreter einzuhaken und in eine Diskussion einzusteigen.

Das Bildformat ist im nicht mehr gängigen 4:3-Format. Es fällt auf, dass die Kamera nicht mit Stativ geführt wurde, sondern mobil. Das mag den beengteren Räumlichkeiten in dem polnischen Haus der Grosseltern geschuldet sein.

Infos zur Autorin und Regisseurin

Geboren 1985 in Katowice, Polen. Studium der Politikwissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Im Anschluss Regiestudium an der Hochschule für Fernsehen und Film München im Bereich Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik. Neben dem Studium arbeitet sie freiberuflich für den Bayerischen Rundfunk. "Das Fest" (AT) ist ihr Abschlussfilm an der HFF München.

(Dieser Bericht wurde von Stagiaire S.R. verfasst.)

 

 

Blade Runner 2049

Vorgeschichte

1982 erschien Blade Runner und wurde später zum Kult Sci-Fi Film, ja sogar zum Mitbegründer eines ganz neuen Genres: Neo-Noir-Cyberpunk – sozusagen der Film Noir des Sci-Fi. Der Film basiert auf dem 1968 erschienenen Buch Do Androids Dream of Electric Sheep? von Philip K. Dick. Eine Erde mitten in der Öko-Apokalypse, kontrolliert von Grosskonzernen, kaum noch vorhandenes natürliches Leben und der Wunsch nach einem besseren Leben auf fremden Planeten sind die Kernelemente dieser dystopischen Zukunft. Sogenannte Replikanten, also künstliche Menschen, die kaum von natürlichen Menschen zu unterscheiden sind, erschliessen diese Welten. Wenn diese Replikanten aus der Reihe tanzen, werden sie von Blade Runnern gejagt und „in den Ruhestand versetzt“.

35 Jahre nach diesem wegweisenden Film kommt nun seine Fortsetzung Blade Runner 2049. Regie führt nicht mehr Ridley Scott. Er ist aber als Produzent wieder mit an Bord. Auf dem Regiestuhl nahm Denis Villeneuve (Arrival, Prisoners) Platz, was bei der Fangemeinde für reichlich Aufruhr sorgte. Wie so oft viel Wind um nichts, denn Villeneuve hat ein Meisterwerk erschaffen. Den besten Sci-Fi Film dieses Jahrhunderts, welcher das Zeug hat, wie sein Vorgänger ein zeitloser Klassiker zu werden. Villeneuve zollt dem Original Tribut und nimmt die Vorlage ernst, ohne davor in die Knie zu gehen.

Handlung

Der Film spielt 30 Jahre nach seinem Vorgänger. Der Protagonist ist ein neuer Blade Runner namens K, gespielt von Ryan Gossling (Drive, La La Land). Auch Harrison Ford, Blade Runner im ersten Teil, ist wieder mit von der Partie. K findet direkt am Anfang des Filmes einen Hinweis, der die Ordnung der Gesellschaft erschüttern könnte. Das ist auch schon alles, was ich vom Plot verraten werde. Denis Villeneuve hat die Kritiker gebeten, nichts vom Plot Preis zu geben und das hat durchaus seine Berechtigung. Die Story ist intelligent geschrieben, voller unerwarteter Wendungen und hält trotz der Länge von 2 Stunden und 43 Minuten die Spannung aufrecht. Immer wieder wird man durch dramatische Szenen aus der sonst relativ kühlen Atmosphäre gerissen. Ein durch und durch brillantes Drehbuch, geschrieben von Hampton Fancher und Michael Green.

Einzelkritik – Kamera

Hinter der Kamera war Roger Deakins (Fargo, The Big Lebowski, True Grit), seines Zeichens schon 13-mal für den Oscar nominiert. Nachdem er genau so oft leer ausging, müsste es nun endlich klappen. Die komplexe Bildsprache des Films ist atemberaubend und mindestens so wichtig für die philosophische Tiefenschärfe des Filmes wie die Story selbst. Ein heruntergekommenes Los Angeles, Hologramm-Schönheiten, die von Reklametafeln herabsteigen, ein toter weisser Baum in mitten unfruchtbaren Landes und Las Vegas als radioaktive Wüste sind atemberaubende Beispiele eines bildgewaltigen Streifens. Trotzdem verliert der Film seine Besonnenheit dadurch nicht und kommte ohne ausufernde Action-Szenen aus.

Einzelkritik - Schauspieler

Ryan Gossling ist die perfekte Besetzung für den kalten K. Sein minimalistisches Gesichtsspiel lässt seine Darstellung eines Replikanten sehr authentisch wirken. Die Schweizerin Carla Juri (Feuchtgebiete) als Dr. Ana Stelline sorgt für ein weiteres schauspielerisches Highlight in Blade Runner 2049. Ihre Auftritte sind kurz, hallen aber nach. Sie hat eine Schlüsselrolle und sorgt für die Wärme in diesem kühlen Setting. Der sinistere Hersteller der Replikanten, Jared Leto (Dallas Buyers Club, Suicide Squad), hat erstaunlich wenige Szenen und wirkt in diesem Film etwas deplatziert.

Einzelkritik - Filmmusik

Ein Highlight des ersten Blade Runners war die Filmmusik von Vangelis. Seine schwermütigen Elektro-Klänge waren die perfekte Untermalung für die dystopische Zukunftsvision Ridley Scott‘s. Für Blade Runner 2049 wurde mit Hans Zimmer (König der Löwen, Fluch der Karibik) ein grosser Name verpflichtet. Sein Soundtrack kommt viel zurückhaltender daher (viele Szenen kommen ganz ohne Musik aus), trumpft aber in entscheidenden Momenten mit dramatischen Industrial-Klängen und wummernden Bässen auf. Die einen werden es mögen, die anderen weniger.

Fazit

Ein intelligenter und bildgewaltiger Sci-Fi-Film, der zum Nachdenken anregt: Was sind die Folgen von Kapitalismus als Religion? Oder was macht einen echten Menschen aus? Und wie stark ist unsere Sehnsucht nach einer besseren Welt inmitten der Öko-Apokalypse? In den technischen Disziplinen ist Blade Runner 2049 ein heisser Oscar-Kandidat. Auch das Drehbuch dürfte nominiert werden. Die einzige Schwäche des Films mag seine Länge sein. Villeneuve drosselt das Tempo zeitweise etwas zu stark, wodurch sich der Film teilweise etwas zu wichtig nimmt. Trotzdem hält er die Spannung aufrecht.

Um den Film richtig zu verstehen, sollte man unbedingt zuerst Blade Runner schauen. Ausserdem sind auch die drei Kurzfilme auf Youtube, welche die wichtigsten Ereignisse in der Zeit zwischen 2019 und 2049 erzählen, sehr empfehlenswert. Blade Runner 2049 ist ein Film, den man gesehen haben muss. Meines Erachtens ist er sogar besser als der Vorgänger von Ridley Scott. Daher bekommt er von mir 9 von 10 Punkte.

(Dieser Bericht wurde von Stagiaire Simon Chiozza verfasst.)

 

Stronger

Stronger ist ein US-amerikanischer Spielfilm basierend auf einer wahren Geschichte unter der Regie von David Gordan Green.

Handlung

Jeff Bauman ist ein Durchschnittstyp der US-amerikanischen Arbeiterklasse und wohnt bei seiner alkoholkranken Mutter. Seine Aufmerksamkeit gilt jedoch ganz und gar seiner Ex-Freundin Erin Hurley, die sich bereits mehrere Male von ihm getrennt hat. Er will sie um jeden Preis zurückerobern. Sie ist Marathonläuferin und nimmt am Bostoner Marathon teil. Um seine Liebe zu beweisen, verspricht er ihr, sie anzufeuern. Am 15. April 2013 steht Jeff inmitten der Marathonzuschauer bei der Ziellinie mit einem Banner für Erin und wartet auf sie. Er wird von einem jungen Mann mit Sonnenbrille und Hut fast umgerannt und kurz darauf detoniert eine Bombe. Erin ist noch etwa eine Meile vom Ziel entfernt und starrt auf die Rauchwolke.

Jeff erwacht im Krankenhaus und wird darüber aufgeklärt, was passiert ist und dass die Ärzte beide Beine unterhalb der Knie amputieren mussten. Kaum richtig zu sich gekommen, beschreibt er dem FBI den Mann, den er am Marathon gesehen und welchen ihn fast umgerannt hat, so genau, dass das FBI den Terroristen wenig später identifizieren kann. Jeff selbst stehen monatelange und schmerzhafte Rehabilitierungsmassnahmen bevor, bei dem er das Laufen mit Beinprothesen erlernen muss. Seine Ex-Freundin steht ihm dabei so gut wie möglich zur Seite.

Doch es ist unklar, ob die bereits angeschlagene Beziehung der Beiden hält. Nicht nur, weil intensive Gefühle wie Schuld und Wut zwischen Ihnen stehen, sondern auch, weil Jeff die ungewollte Berühmtheit und Huldigung der Bevölkerung, sich selbst als neuen Helden des „Widerstands gegen den Terrorismus“ zu sehen, nicht wirklich annehmen kann. Er ist das neue Aushängeschild für „Boston Strong“. Fotografen und Berühmtheiten wie Oprah Winfried lassen nicht locker, den neuen Helden zu feiern. Und diese erhalten auch noch Unterstützung von Jeff’s Mutter.

Als Erin Jeff mitteilt, dass sie von ihm schwanger sei, kann er zuerst nicht mehr mit dem Druck umgehen. Sie verlässt ihn. Er muss eine Entscheidung treffen, die nicht nur sein Leben verändert.

Hintergrund

Am 15. April 2013 detonieren am Boston Marathon (Patriots Day) auf der Zielgeraden innerhalb von 13 Sekunden zwei Sprengsätze, wobei drei Menschen sterben und 264 verletzt werden. Von der US-Bundesbehörde wird dieser Akt als terroristischen Akt eingestuft. Bei der Verfolgung der tatverdächtigen Brüder Dschochar und Tamerlan Zarnajew wurde letzterer getötet und Dschochar 2015 zum Tode verurteilt.

Bewertung

Allein für diesen Film hätte der Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal eine Auszeichnung verdient. Er zeigt auf grandiose Art und Weise die Zerrissenheit eines Mannes, der sowohl seelisch wie auch körperlich an seine Grenzen stösst und von seinem Land in die Rolle des Helden gepresst wird.

Die biographische Geschichte wird plausibel und authentisch vom Regisseur David Gordan Green umgesetzt. Es erinnert nichts an einen klassischen, klischeehaften Hollywoodstreifen. Der Regisseur beschönigt nichts und alle Szenen werden bis zum Schluss mitfühlend dargestellt.

Der Film feierte im September 2017 Premiere auf dem Toronto International Film Festival und war nun beim Zurich Film Festival zu sehen. Mit von der Partie: Der Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal, der an diesem Abend auch den Golden Eye Award für seine unzähligen und vielseitigen Rollen der letzten 17 Jahre erhält.

(Dieser Bericht wurde von Stagiaire K.S. verfasst.)

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