Solothurner Filmtage

Mit „stage on air“ besuchten wir am Mittwoch, den 30. Januar 2019, die Solothurner Filmtage.

1965 fanden die Solothuner Filmtage zum ersten Mal statt. Diese Werkschau des Schweizer Films ist schnell zu einer Attraktion geworden, denn es kommen jährlich mehr als 65`000 Besucher. Die Gewinner am diesjährigen 54. Filmfestival war Fanny Bräuning mit ihrem Dokumentarfilm „Immer und ewig“. Sie gewann den „Prix du Soleur“.  Ein weiterer Preis ist der „Prix du Public“. Er ging an Martin Witz, Regisseur des Dokumentarfilms „Gateways to New York“.

Am Morgen unseres Aufenthalts in Solothurn haben wir unter der Leitung von Martin Iseli einen kurzen Stadtrundgang gemacht. Dabei wurden uns die schönste Barockstadt der Schweiz, auch Ambassadorenstadt genannt, genauer vorgestellt. Am Nachmittag hatten wir dann das Vergnügen Filme zu schauen. Viele von uns haben bis spät am Abend insgesamt vier Filmblöcke geniessen dürfen. Aus diesen  Filmen haben die Stagiaires jeweils einen Film ausgesucht und ihre eigene Kritik dazu geschrieben. Im unteren Abschnitt finden Sie Kritiken zu Fair Traders, Les Dames, Sette Giorni und Female Pleasure.

(Dieser Beitrag wurde von Stagiaire H.P. verfasst.)

 

Filmkritik: Fair Traders

Der neue Dokumentarfilm von Regisseur Nino Jacusso «Fair Traders» behandelt die Frage was fairer Handel ist und wie er in der Praxis aussehen kann. Er selbst hat auch das Drehbuch verfasst. Der Film ist mit einem extrem kleinen Team von meistens nur drei Personen entstanden. Neben Nino Jacusso sind dies der Kameramann Daniel Leippert und der Tontechniker Olivier JeanRichard. Während den Dreharbeiten in der Schweiz war zusätzlich ein Assistent vor Ort.

Der Film Fair Traders porträtiert drei Persönlichkeiten – zwei Unternehmerinnen und ein Unternehmer. Sina Trinkwalder, Gründerin und Inhaberin einer ökosozialen Textilfirma in Augsburg, hat innert kürzester Zeit ein Unternehmen mit 150 Mitarbeitern auf die Beine gestellt, in dem sie hauptsächlich auf dem Arbeitsmarkt benachteiligte Menschen beschäftigt. Ihr Umgang mit den Mitarbeitern ist herzlich, familiär, intim und von grossem Respekt geprägt. Claudia Zimmermann ist Biobäuerin und führt gemeinsam mit ihrem Mann einen Hof mit eigenem Laden im Kanton Solothurn. Sie produziert nach den strengen Richtlinien von Bio Suisse und im Film ist besonders ihr Umgang mit den Hofschweinen auffallend. Sie weiss um ihre Intelligenz, ihr Gruppenverhalten und wie man Schweine artgerecht halten sollte. Abgerundet wird der Film vom Unternehmer Patrick Hohmann, Pionier im Handel und der Herstellung von Biobaumwolle. An seiner Person hat mich sein Verständnis des Menschen beeindruckt und fasziniert. Er weiss wie man Menschen richtig und fair behandelt. Er reist selbst mit fast 70 Jahren noch nach Afrika und Indien um nach dem Rechten zu sehen. Der Film fokussiert stark auf die Gegenwart der drei Protagonisten. Der Film zeigt ihr Leben im jeweiligen Arbeitsumfeld, welche Erfolge sie verbuchen, welche Stolpersteine sie hinnehmen, ihre Philosophie und natürlich auch wie sie genau arbeiten. Vereinfach gesagt handelt der Film von drei Paradebeispielen im fairen und nachhaltigen Handel und weniger vom Prinzip Fair Trade im Allgemeinen. Die Drehorte sind Grössenteils die Schweiz und Deutschland. Das Filmeteam hat aber auch Patrick Hohmann mehrmals nach Tansania und Indien begleitet, um die Produktion und den Handel der Biobaumwolle zu zeigen.

Die Hoffnungslosigkeit in Bezug auf Nachhaltigkeit, welche heute in den meisten Online- und Printmedien vorherrscht, enthält einen wichtigen Gegenspieler durch diesen Film. Es zeigt, dass es durchaus immer noch ökosoziale Unternehmer gibt. Die Story ist einfach, jedoch authentisch und vielschichtig gestaltet. Die Handlung ist nicht linear respektive es wird schnell zwischen den einzelnen Protagonisten gewechselt. Dies gibt dem Film ein zusätzlich spannendes Element. Ich frage mich jedoch, ob dadurch teilweise nicht ein zu grosses Durcheinander und eine Unruhe entstehen.

Da sich das Filmteam schon seit langem kennt und zusammenarbeitet wirkt der Film entsprechend ausgereift und authentisch. Die Bilder sind ruhig und einfach gehalten. Jedoch merkt man, dass der Kameramann erfahren ist bei der Wahl des Bildausschnittes. Die Einstellungsgrößen variieren, wie bei jedem Dokumentarfilm, stark. Die meisten Szenen sind Halbtotale oder Halbnah. Alles in allem wirkt die Kameraarbeit stimmig und unterstützend zum Konzept des Filmes. Auch der Ton ist hochwertig gehalten und überzeugt durch ein volles, abgerundetes Klangbild und viel Liebe zum Detail. Alles in allem hatte Nino Jacusso über 60 Stunden Rohmaterial zur Auswahl und hat am Ende ein eindrückliches Endprodukt abgeliefert. Der Film ist definitiv sehenswert. Einziger wirklicher Kritikpunkt ist die Story, welche zeitweise einige Hintergrundinformation vermissen lässt bezüglich der Idee und Entstehung der einzelnen Unternehmen oder finanzielle Aspekte. Auch hätte ich mir mehr Informationen zum Prinzip Fair Trade gewünscht. Diese Kritikpunkte nehme ich jedoch gerne in Kauf, da ein solcher Film so wichtig für unsere Zeit ist wie noch nie und zeigt, das wir zusammen für eine bessere Zukunft einstehen können.

(Dieser Beitrag wurde von Stagiaire J.B.)

 

Les Dames

Diese Doku von 2018 begleitet neun Monate lang fünf ältere Damen über 60 Jahre.

Jede der Frauen geht unterschiedlich mit ihrer Einsamkeit um. Sie füllen die Tage mit allerlei Aktivitäten aus, manchmal auch mal mit etwas Neuem. Mit dieser Taktik hoffen die Damen auf zufällige potentielle Partner zu treffen die ihnen über dem Weg laufen könnten. Doch das funktioniert meistens nur in der Theorie.  Nicht jede will sich binden aber irgendwie schon. Trotzdem möchte jede mit dem anderen Geschlecht in Verbindung kommen, da gibt es noch viele neue Möglichkeiten. Bei zwei Frauen ergeben sich so Kontakte, bei den andern bleibt es bis zum Schluss noch offen.

Die Filmemacherinnen Véronique Reymond und Stéphanie Chuat sind zwei junge Frauen aus der Westschweiz, die sich zum ersten Mal mit elf Jahren in der Schule kennenlernten. Schnell erkannten sie, dass sie gleiche Interessen haben und gingen zusammen in die Schauspielschule.

Zuerst eher im kleinen Rahmen, experimentierten sie indem sie das Theater mit Videosequenzen ergänzten. Das legte den ersten Grundstein für sieben Dokumentarfilme. 2009 drehen sie ihren ersten Spielfilm, La petite chambre (Das kleine Zimmer). 2014 entsteht zum ersten Mal eine 6 teilige TV Serie in der Véronique Reymond selbst mitspielte. Die Serie wurde ausgezeichnet und bekam 2015 den „Swissperform“ Fernsehpreis.

Für alle reiferen Frauen die sich noch jung fühlen ist der Dokumentarfilm empfehlenswert, aber auch für die jüngere Generation kann es lehrreich sein. Es zeigt wie man mit Witz und Humor im späteren Abschnitt durch das Leben gehen kann und dass für jede Person andere Arten von Beziehungen entstehen können.

 

(Dieser Beitrag wurde von Stagiaire O.H. verfasst.)

 

Sette Giorni

Ivan und Chiara treffen sich auf Levanzo, einer bildhübschen Insel vor Sizilien, um Vorbereitungen für die Hochzeit von Ivans Bruder und Chiaras bester Freundin zu treffen. Obwohl Ivan entschlossen ist, nicht die gleichen Fehler zu machen wie bei seiner letzten Beziehung, und Chiara ihre eigene Ehe nicht aufs Spiel setzen will, verlieben sich die Beiden bald. Ivan schlägt vor, dass die Beziehung nur für ein paar Tage läuft, und sie sich, sobald die Gäste auf der Insel eintreffen, wieder voneinander trennen. Chiara ist skeptisch, aber kann der Liebe von Ivan nicht wiederstehen und lässt sich darauf ein. Sobald die Hochzeitsgäste auf der Insel sind, merkt Ivan, dass er die stürmische Beziehung nicht einfach so beenden kann. Es wird noch turbulenter als Chiaras Ehemann ankommt.

Regisseur Rolando Collas Drama Sette Giorni (Sieben Tage), aus dem Jahre 2016, präsentiert die Geschehnisse der Hochzeitsvorbereitungen und den ungewissen Ausgang der Beziehung über einen Zeitraum von sieben Tagen. Es gibt ein Auf und Ab der Emotionen der zwei Hauptdarsteller und eine seltsame Darstellung der meist älteren Inselbewohner, die sich mit der Zunehmenden Zahl von Aussenstehenden abfinden müssen. Durch den Film hindurch gibt es einen Hauch von Humor und einige atemberaubende Unterwasseraufnahmen der zwei Protagonisten. Die schöne Kulisse der Geschichte ist ebenso Teil der Aktion wie die Menschen selbst.

Bruno Todeschini (Jalouse) spielt Ivan mit einer betörenden Mischung aus harten Kerl und verletztem Kind. In einer Szene sitzt er sogar schmollend an einem separaten Tisch zu Chiara im Restaurant, nachdem sich das Paar gestritten hat. Alessia Barela (The Minister) ist die temperamentvolle und leidenschaftliche Chiara, deren überraschende Enthüllungen über ihre häusliche Situation einen Charakter mit mehr Tiefe als oberflächlich guter Optik offenbart.

Obwohl die Prämisse der Geschichte eher unwahrscheinlich ist, spielen Todeschini und Barela sie als real und erzeugen eine wachsende Erwartung um das Ergebnis der Beziehung, die die Spannung in Atem hält. Bis zur letzten Szene ist nicht klar, wie sich die Dinge entwickeln werden und selbst dann ist die Mehrdeutigkeit des Endes offen für Interpretationen. Ist dies das berüchtigte Happy End, nach dem sich so viele Kinobesucher zu sehnen scheinen? Oder ist es nur ein Fall von Wunschdenken seitens Ivan? Jeder, der den Film sieht, muss diesen Aufruf selbst machen. Nichts wird einem einfach serviert.

Rolando Colla (Beyond the Border, Summer Games) hat eine vornehme, aber faszinierende Liebesgeschichte inszeniert, die den Zuschauer herausfordert sich der manchmal überwältigenden Kraft der Liebe zu stellen, wenn sie aus heiterem Himmel auftaucht. Sollten wir versuchen, diesen Kräften zu widerstehen oder ihnen einfach erlauben, ihren Kurs zu ändern? Haben wir überhaupt die Kontrolle über unsere Emotionen, oder sind da Kräfte größer als wir selbst am Werk, die alle Fäden ziehen? Es ist eine spannende Frage mit der sich der Film befasst, aber letztendlich unbeantwortet lässt.

Bruno Todeschini wurde für sein vielfältiges Werk als Schauspieler zum Solothurner Film Festival speziell eingeladen. Die <Rencontre> zeigte während dem Festival eine Auswahl an dreizehn Filmen mit Todeschinis tragenden Rollen. Es gab auch die Gelegenheit den Schauspieler persönlich zu begegnen.

 

(Dieser Beitrag wurde von Stagiaire K.H. verfasst.)

 

#Female Pleasure

#Female Pleasure ist eine Dokumentation, in der  es um fünf starke Frauen aus fünf  verschieden Religionen geht.  Sie erzählen alle ihre traurige Geschichte wie sie als Frau behandelt worden sind und wie sie es aus ihrer frauenfeindlichen Welt raus geschafft haben. Zuerst wird eine Jüdin gezeigt, die in New York lebt. Sie erzählt das sie zwangsverheiratet worden ist und ihren Mann erst auf ihrer Hochzeit zum ersten Mal sah. Ihr wurde erzählt dass sie das Eigentum von Ihrem Mann sein wird und dass sie nie das Recht auf Mitsprache haben wird. Das sei in Ihrer `Kultur` normal und sie müsse sich an diese Tradition halten. Als nächstes in dieser Dokumentation sehen wir eine Inderin. Sie sagt, wie sie gegen die Vergewaltigung und Frauenfeindlichkeit in Indien kämpft. Sogar ihre eigene Firma hat sie gegründet, welche Love Matters heisst. Die dritte Frau ist eine Afrikanerin aus Kenia, welche mit ihrer Tochter in London lebt. Sie wurde als Kind beschnitten wie Tausende andere Frauen in Afrika. Das heisst, die Genitalien eines jungen Mädchens werden mit einem Messer geschnitten und nachher mit einer Nadel zusammengenäht. Sie erzählt uns wie schmerzhaft das für ein Kind ist und was für traumatische Folgen dies hat. Zusammen mit anderen Frauen, die diese grauenhafte Erfahrung gemacht haben, versucht sie den Menschen die Augen zu öffnen und zu zeigen dass die Frauenbeschneidung eine grausame Tat ist, welches den Frauen ihre Identität und ihren Selbstwertgefühl zerstört. Als nächstes erzählt uns eine Japanerin von ihrem Schicksal. Sie wurde verhaftet, weil sie 3D Abbildungen von Ihrer Vagina gemacht hat und Produkte daraus herstellt. Für sie ist es eine Unverschämtheit, dass die Genitalien eines Mannes öffentlich gefeiert und geehrt wird, aber die einer Frau verabscheut wird. Auch sie kämpft gegen die sexuelle Ungleichberechtigung zwischen Männern und Frauen. Die letzte Powerfrau in dieser Dokumentation ist eine ehemalige Ordensfrau aus Berlin. Sie  wurde von einem Ordensmitglied mehrere Male vergewaltigt, aber aus Angst erzählte sie niemanden davon. Ausserdem teilt sie im Film  mit, dass sie dem Papst zwei Briefe geschrieben hat aber keine Antwort oder Hilfe kam.

#Female Pleasure wurde in verschiedenen Ländern gedreht, teilweise auch unter kritischen Umständen. Diese Dokumentation soll Frauen und ebenso Männer dazu motivieren öffentlich auch über die weibliche Sexualität zu reden und das man sich dafür nicht schämen muss. Damit soll gezeigt werden, wie Frauen auf der ganzen Welt immer noch erniedrigt und schlecht dargestellt werden. Es glauben sogar viele, dass Frauen eine böse Kreatur oder eine Strafe für die Menschheit sind.

Ich persönlich finde diese Dokumentation sehr spannend und motivierend. Da ich selber zum Feminismus neige, gefiel mir die Doku sehr und würde sie gerne immer wieder anschauen. Es ist ein sehr empfehlenswerter Film auch für Männer. Der Name dieses Dokumentarfilmes muss nicht bedeuten, dass es ein Frauenfilm ist. Er dient auch nicht dafür die Männer schlecht darzustellen. Die Dokumentation ist produziert worden, um zu zeigen, wie Frauen in unserer Gesellschaft heute noch erniedrigt und als Sexobjekt angesehen werden. Es soll denn Männern die Augen öffnen und zeigen wie Frauen sich in der männerdominierten Welt fühlen und dass dies ein Ende nehmen muss.

Das ist der Film von Barbara Miller. Die Filmregisseurin wurde 1970 in Winterthur geboren und ist seit 2017 Präsidentin des Verbandes Filmregie und Drehbuch Schweiz. 2005 kam ihr erstes Film `Klitoris- Die schöne Unbekannte` raus. 2012 dann der Film  `Forbidden Voices` und 2018 #Female Pleasure.

(Dieser Beitrag wurde von Stagiaire H.P. verfasst.)

 

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