Lies mal wieder!

Mit der heutigen Digitalisierung, so scheint es zumindest, verschwinden die Bücher immer mehr. stage-on-air hat deshalb die Teilnehmenden des Kurses Lies mal wieder! in die Bücher-Brocky in Aarau entführt, wo sich alle zwei Bücher aussuchen konnten.

Im Rahmen des Kurses mussten die Teilnehmenden dann einen Erfahrungsbericht, eine Buchkritik oder einen Buchtipp schreiben. Die Ergebnisse sehen so aus:

 

BROCKY-STORY

An besonders schönen Tagen ist der Himmel sozusagen wie aus blauem Porzellan. An ebendiesen sonnigen Tagen kann es durchaus sein, dass stage-on-air nach einem regen Gedankenaustausch zu den Themen Lesen, Schrift, Bücher und Buchmessen den Kursraum verlässt und die Bücher-Brocky in Aarau heimsucht.

Die Kohorte zu Fuss und der Häuptling mit dem Velo überqueren die breite, vielbefahrene Aaretalstrasse. Ein bisschen Tempo beim Überqueren muss sein, will man nicht als Kühlerhaubenfigur enden! Auf Schleichwegen, die nur Regionalindianer kennen können, geht’s zum grossen Eingangstor des in Fragmenten käuflichen Datenspeichers. Trotz Digitalisierung besteht dieser Speicher erstaunlicherweise immer noch vorwiegend aus Papier.

Rasch tauchen die Kursteilnehmenden individuell in die Hallen mit den Büchergestellschluchten, in denen die Buchtitel feinsäuberlich eingereiht sind. Wie viele Tonnen Papier hier wohl den Boden belasten? Einzig das Suchen nach spezifischen Büchern erweist sich rasch als schwerfällig, da die Bücher sehr unterschiedliche Grössen, Farben und Buchrücken haben. Ausserdem kann es durchaus vorkommen, dass dieselben Titel an verschiedenen Orten zu finden sind.

Manchmal sind Stimmen von anderen Kursteilnehmenden zu hören, die nach bestimmten Titeln suchen. Leise plätschert ein Musikteppich, bestehend aus klassischer Musik, auf unsere Trommelfelle und versucht, die Besucher kauffreudig zu stimmen. Bei manch anderem bewirkt sie jedoch das Gegenteil und treibt ihn fast zur Weissglut.

In der Abteilung Romane kommt mir unsere Nachbarin, die Primarlehrerin ist und mir kürzlich eine Anekdote aus ihrem Berufsleben erzählt hat, in den Sinn:

Als sie mit ihrer Klasse ein Buch bespricht, fragt sie die Klasse, ob jemand wisse, wer denn das behandelte Buch geschrieben habe?

Die Kinder überlegen lange, bis ein Schüler mit einer Antwort herausrückt: „Ich weiss zwar nicht, wie der Nachname des Autors ist.“ Aber der Vorname stehe ja vorne auf dem Buchdeckel: „Der Autor heisst Roman“.

Die Zeit ist bereits weit fortgeschritten und ich sollte noch eine Entscheidung treffen, welche zwei Bücher ich von stage-on-air und der Bücher-Brocky gesponsert haben möchte. Eine riesen Herausforderung in Anbetracht des Meeres an Büchern!

Ich bin etwas hin- und hergerissen zwischen Sachbuch oder Lesebuch. Schlussendlich entscheide ich mich für Hermann Hesses Der Steppenwolf und Narziss und Goldmund , von denen ich schon gehört habe und die ich schon lange lesen wollte.

Wie im Fluge ist die Zeit vergangen und ich schlendere Richtung Ausgang, wo ich mich in die Schlange vor der Kasse mit den anderen Kursteilnehmenden stelle.

(Dieser Bericht wurde von Stagiaire T.W. verfasst.)

 

ATOM- UND ERDÖLFREI IN DIE ZUKUNFT von Roger Nordmann

Der Autor Roger Nordmann ist Politologe, Ökonom und Energieexperte. Der Waadländer Sozialdemokrat engagiert sich seit seiner Wahl ins Parlament 2004 auf Bundesebene für erneuerbare Energie und Klimaschutz. Er ist Mitglied der nationalrätlichen Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie, President von Swissolar sowie Vize-Präsident des Verkehrsclub Schweiz.

In seinem neusten Buch Atom- und Erdölfrei in die Zukunft erläutert er, dass in Sachen Energie neue Pionierleistungen möglich sind und sie sich aus rein wirtschaftlicher Sicht auch lohnen.

Brennende Reaktorhüllen. Austretende radioaktive Strahlung. Strahlenpartikel, die sich mit Wind und Meer, Flugzeug und Schiff über die Welt verbreiten. Aber immer noch sind Länder wie die Schweiz, Deutschland, Frankreich und Österreich von Energiequellen wie Uran und Erdöl abhängig. Eine energiepolitische Kehrtwende ist dringend nötig.

Roger Nordmann klärt über den tatsächlichen Nutzwert von Atomkraftwerken auf. Anhand des Beispiels Schweiz schildert er, wie ein Land seinen Energiebedarf ausschliesslich über erneuerbare Energie decken kann. Mit intelligenter Mobilität, Energie produzierenden Häusern und gezielten Investitionen in neue Technologien.

Vor 30 Jahren träumte die Avantgarde der Alternativenergie nicht nur davon, Kraftwerke und Kohle durch Sonne und Wind zu ersetzen, sondern auch von einer anderen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in welcher sorgfältig und wohl überlegt mit dem Thema Energie umgegangen wird. Roger Nordmann zeigt auf, wie der Stand der Dinge 30 Jahre später aussieht.

Ich war beim Lesen dieser Seiten verblüfft darüber, wie einleuchtend die geschilderten Ideen sind. In einem sehr demokratischen Sinn wendet sich dieses Buch bewusst an ein breites Publikum. Es zeigt, dass man nicht fachkundig sein muss, um ein Umdenken zu unterstützen, und deshalb ist die Lektüre für jedermann empfehlenswert.

(Dieser Bericht wurde von Stagiaire M.C. verfasst.)

 

BOB, DER STREUNER oder A STREET CAT NAMED BOB von James Bowen

Eigentlich bin ich absolut kein Bücherwurm. Doch beim Besuch in der Bücher-Brocky flatterte mir ein Buch in die Hände, welches mich auf Anhieb auf magische Weise anzog. Ich liebe wahre und inspirierende Geschichten. Das Buch heisst …

BOB, DER STREUNER oder A STREET CAT NAMED BOB

Das Buch ist eine Biographie und handelt vom Londoner Strassenmusiker James Bowen. Er lebt in einer Wohnung vom Sozialamt und ist auf Drogenentzug. Eines Tages läuft ihm ein verwahrloster, herrenloser Kater über den Weg. Die beiden werden unzertrennliche Freunde und ergänzen einander in ihren Stärken und Schwächen. Es scheint langsam mit beiden wieder bergauf zu gehen. James wird clean und kann mit Hilfe des Katers, der inzwischen den Namen Bob erhalten hat, auch mehr Geld mit seiner Strassenmusik verdienen. Das ungewöhnliche Paar fällt in den Strassen von London auf und avanciert zu einer stadtbekannten Attraktion.

Die Geschichte besticht durch ihre klare, einfache, liebenswerte und authentische Art. Einer meiner Lieblingsstellen ist, als Bob erschrickt und in der Londoner Menschenmasse unter zu gehen scheint. James versucht ihn wieder zu finden, lässt sein Hab und Gut, was nicht wirklich viel ist, zurück, mit den Gedanken: „Eine Gitarre kriege ich überall, aber Bob war unersetzlich!“ In unserer Zeit, wo sich die meisten Angelegenheiten nur um materielle Dinge zu drehen scheinen, ist diese Art der bedingungslosen Freundschaft leider sehr selten geworden – aber Balsam für jeden, der sich noch wahrhaftig darauf einlassen kann.

Das Buch ist ein MUSS für alle Katzenliebhaber und ein SOLL für alle, die nach mehr streben. Es ist in insgesamt 26 Sprachen übersetzt und später auch verfilmt worden. Desweiteren gibt es mittlerweile fünf weitere Bücher mit Geschichten über den Autor und Bob.

(Dieser Bericht von Stagiaire K.S. verfasst.)

 

IM WESTEN NICHTS NEUES von Erich Maria Remarque

Der Roman Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque erschien genau in der Mitte der zwei Weltkriege im Jahr 1929. Remarque schreibt in seiner Erzählung in einem abgeklärten Stil aus der Sicht vom 19-jährigen Frontsoldaten Paul Bäumer, der seine Erlebnisse und den Schrecken des 1. Weltkriegs schildert.

Paul Bäumer sitzt zusammen mit seinen Kameraden einige Kilometer hinter der Front an einem ruhigen Ort und erinnert sich zurück, als er und seine Schulkameraden sich motiviert durch die patriotischen Reden von ihrem Lehrer Kantorek zum Kriegsdienst fürs Vaterland meldeten. Schon in der Grundausbildung, die von hartem Drill geprägt war, merkten sie, dass die ihnen vermittelten Werte nichts mehr gelten.

An der Westfront angekommen, werden sie von dem erfahrenen Frontkämpfer Stanislaus Katczinksy empfangen. Er soll die Truppe auf die Gefahren auf dem Schlachtfeld vorbereiten. Kat, wie sie ihn nennen, wird zum Vorbild der Kameraden und zur Leitfigur. Paul lernt ihm, den Krieg zu überleben, Nahrung zu finden, Geschosse am Klang zu unterscheiden und sich gegen den echten Feind, den Tod, zu wappnen.

Bei einem Fronturlaub zu Hause bemerkt Paul schnell, wie sehr ihn der Krieg verändert hat, da es ihm unmöglich ist, seine Erlebnisse aus den Schützengräben seiner Familie und anderen Bürgern mitzuteilen. Er kehrt zu seiner neuen Familie, den Kameraden, zurück und bereut es, im Urlaub gewesen zu sein.

Bei einem der vielzähligen Fronteinsätze verletzt sich Paul und verbringt anschliessend ein paar Wochen im Lazarett, bevor er wieder an die Front zurückkehrt. Ob bei Gasangriffen, im Trommelfeuer, oder im Kampf Mann gegen Mann, nach und nach fallen all seine Schulkameraden. Jedoch gibt es zwischendurch immer wieder Lichtblicke und humorvoll wiedergegebene Episoden, die den Krieg und die von ihm beschriebene furchterregende Geräusche verstummen lässt.

Paul wird kurz vor Ende des Krieges tödlich getroffen, „an einem Tag, der so ruhig und still war an der ganzen Front, dass der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden.“

Den Antikriegsroman gibt es in über 50 Sprachen, die geschätzten Verkaufszahlen liegen bei über 20 Millionen (Stand 2007). Damit ist er der deutsche Erzähltext mit den höchsten Verkaufszahlen und ein Muss für jedermann. Der Roman ist der literarischen Strömung der Neuen Sachlichkeit zugehörig. Die sachliche wie realitätsbezogene Schreibweise lässt erahnen, dass auch der Autor Remarque selbst Teil dieses Krieges war. Er verarbeitet darin, neben seinen eigenen Erfahrungen, hauptsächlich die Erzählungen verwundeter Soldaten, die er während seinem Aufenthalt im Lazarett kennengelernt hatte. Zudem kommen aber auch frei erfundene Stellen vor. Es ist eine Abfolge von Schrecklichen und emotional aufwühlenden Ereignissen, aber auch mit humoresken Alltagssituationen des Kriegs. Die Beschreibungen einzelner Personen sind journalistisch knapp und präzise. Jedoch sind auch expressionistische Züge vorhanden. Vor allem, wenn der Erzähler von der Natur spricht. „Bei den Nationalsozialisten hatte sich Remarque mit seinem Roman Feinde gemacht. Als Teil ihrer Rufmordkampagne gegen den missliebigen Autor bezweifelten sie dessen Authentizität und verbreiteten das Gerücht, er habe überhaupt nicht am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Während der nationalsozialistischen Bücherverbrennung 1933 wurden auch zahlreiche Exemplare von Im Westen nichts Neues vernichtet.“

Remarque selbst bezeichnete sein Buch als unpolitisch, obwohl es mittlerweile als Klassiker der Antikriegsromane der Weltliteratur gilt. Die Verfilmung des Buches von 1930, einer der ersten Tonfilme überhaupt und einer der bekanntesten und beeindruckendsten Antikriegsfilme aller Zeiten, beeinflusste alle späteren Kriegs- und Antikriegsfilme von Apocalyps Now bis zu We were soldiers. Er gilt als einer der 100 besten Filme der amerikanischen Filmgeschichte. Ebenso schrieb Elton John ein Lied mit dem gleichnamigen Titel All Quiet on the Western Front und die Toten Hosen veröffentlichten auf ihrer 1999 erschienen Single Schön das Bonuslied Im Westen nichts Neues.Beim ersteren bezieht sich das Lied auf den Film, beim zweiten wird es als Metapher für die Monotonie bei der Arbeit verwendet.

(Dieser Bericht wurde Stagiaire M.B. verfasst.)

 

 

DER ALCHEMIST von Paulo Coehlo

„Wenn alle Tage gleich sind, dann bemerkt man auch nicht mehr die guten Dinge, die einem im Leben widerfahren.“ - Paulo Coehlo

Es gibt Bücher, welchen ich immer wieder begegne und sie deshalb lesen muss. „Der Alchimist“ ist so ein Roman.

Protagonist der Geschichte ist ein junger andalusischer Hirte, der im ganzen Buch als „Jüngling“ bezeichnet wird. Sein einziger Wunsch ist es zu Reisen. Durch eine Reihe von Begegnungen kommt es dazu, dass er sich auf die Suche nach einem verborgenen Schatz begibt. Dieser soll bei den Pyramiden von Ägypten zu finden sein. Er lernt allerdings auch, dass er immer wieder vor grosse Prüfungen gestellt wird, bevor er die Kostbarkeit entdecken kann. In der Stille der Wüste findet er zu sich selbst und erkennt, dass das Leben Schätze bereithält, die von viel grösserem Wert sind. In Ägypten angekommen erfährt er jedoch, dass seinen gesuchten Schatz nicht dort, sondern an einem ganz anderen Ort ist.

Die Suche nach seiner Bestimmung, das Besinnen auf das eigene Ich und das Lauschen auf die Stimme des eigenen Herzens ist eine Tugend. Dies ist die Kernbotschaft in dieser Geschichte.

Wer einen aufmunternden Roman sucht, nichts gegen ein wenig Magie hat oder einfach eine schöne Geschichte lesen will, der ist mit dem Buch bestens bedient.

(Dieser Bericht wurde von Stagiaire M.R. verfasst.)

 

ROCK YOUR LIFE von Rudolf Schenker

„Lebe dein Leben so, wie du es dir vorstellst und nicht, wie andere es von dir erwarten.“ Das ist einer der Kernsätze aus dem Buch ROCK YOUR LIFE von Rudolf Schenker.

ROCK YOUR LIFE ist ein sehr lebensbejahendes und extrem persönliches Buch des Gitarristen und Gründers der Scorpions.

Er erzählt, wie er mit Spass und Glück zum Erfolg kam und wie er mit Misserfolg, bitteren Erfahrungen und Zukunftsängsten umgeht. Mit Erfolg meint Schenker nicht die materiellen Dinge, sondern wie man Erfolg im Leben haben kann. Er zeigt, dass es sich lohnt, auch Momente, in denen man scheitert, als einen positiven Anstoss zu sehen.

Mit seiner positiven Art zu schreiben, fällt es einem sehr schwer, sein Werk zur Seite zu legen.

Ich persönlich finde das Buch sehr spannend. Es liest sich leicht und fesselte und motivierte mich vom ersten Moment an.

(Dieser Bericht wurde von Stagiaire S.W. verfasst.)

 

DER FÄNGER IM ROGGEN von J.D. Salinger (Originaltitel: The Catcher in the Rye)

„Ich will nur die verrückten Sachen erzählen, die sich letzte Weihnachten abspielten, bevor ich vollkommen zusammenklappte und hierher gebracht wurde, um mich zu erholen.“ Der 17-Jährige Antiheld Holden Caulfield ist in einem Sanatorium und erzählt davon, wie er als 16-Jähriger vom Internat flog. Statt zu seinen Eltern zurückzufahren, irrt er 3 Tage lang durch New York. Er mietet sich zunächst in einem miesen Hotel ein, indem es „von Perversen wimmelt“. Nachdem er einer betrügerischen Prostituierten und deren Zuhälter auf den Leim geht, checkt er wieder aus und führt seine Odyssee fort.

Holden begehrt gegen die Erwartungen der Erwachsenenwelt auf, denn er fühlt sich von den Erwachsenen nicht respektiert. Er mag nichts, was ihm verlogen oder affektiert erscheint. Nette und verständnisvolle Menschen imponieren ihm. „Der unreife Mensch kennzeichnet sich dadurch aus, dass er edel für eine Sache sterben will, der reife dadurch, dass er bescheiden für eine leben will.“

Holden repräsentiert die Sehnsüchte der Jugend im puritanischen Amerika der 40er- und 50er-Jahre. Damit sorgte Salinger mit diesem Werk für reichlich Aufruhr. The Catcher in the Rye wurde in einigen angelsächsischen Ländern zunächst sogar verboten. Es enthält in der Originalausgabe 255-mal den Ausdruck „goddamn“ sowie 44-mal „fuck“. Passagen wie „I hope to hell when I do die somebody has sense enough to just dump me in the river or something. Anything exept sticking me in a goddam cemetery. People coming and putting a bunch of flowers on your stomack on Sunday, and all that crap. Who wants flowers when you're dead? Nobody.“ sind bezeichnend für den Idiolekt Holden’s. Aufgrund dessen ist es sicher empfehlenswert, auch die englische Originalausgabe zu lesen.

Zum Autor

Der Fänger im Roggen machte den damals 32-Jährigen Autor über Nacht weltberühmt. Die Taschenbuchausgabe vom einzigen Roman von J.D. Salinger erschein 1953. Diese hatte bereits eine weltweite Auflage von 10 Millionen Exemplaren. Auch heute noch werden jährlich knapp eine Million Exemplare verkauft. Er gehört zu den Top 20 der meistverkauften Büchern mit 65 Millionen verkauften Exemplaren. Gelesen habe ich die Übersetzung aus dem Jahre 1962 von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll.

Salinger hat neben diesem Roman mehrere Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht. Er ist bis heute einer der meistgelesenen Autoren der Nachkriegszeit. Die Jahre 1948 bis 1959 der Amerikanischen Literaturgesichte gelten als die „Ära Salinger“. In Paris begegnete Salinger dem damaligen Kriegskorrespondenten Ernest Hemingway, der ihm ein „verteufeltes Talent“ bescheinigte. Salinger starb 2010 im Alter von 91 Jahren nach einem sehr zurückgezogenen Leben.

(Dieser Bericht wurde von Stagiaire Simon Chiozza verfasst.)

 

ICH WOLKENSTEIN von Dieter Kühn

In dieser Biographie beschreibt der Autor Dieter Kühn sehr plastisch und sprachlich äusserst gewandt über den Dichter, Biographen, Kreuzritter, Komponisten, Minnesänger und Diplomaten in Diensten des Königs und späteren Kaisers Sigismund. Man könnte diese Liste noch weiter fortsetzen mit Raufbold, Betrüger, Strafgefangener, Gefolterter, Raubritter, Weiberheld. All das wird in dem grossangelegten 600-seitigen Buch so grossartig beschrieben, dass man sich schwertut, es beiseitezulegen, ohne sich vorher so richtig durchgefressen zu haben.

Man spürt direkt die Eiseskälte, die durch die Burg Hauensteins gezogen haben muss. Es wird in diesem Buch gründlich aufgeräumt mit dem Irrglauben, dass das Leben auf einer Burg als Burgherr komfortabel gewesen sei. Das einfache Essen, was Oswald als Kind, und später das umso üppigere, was er als Gesandter des Kaisers, gegessen haben musste, kann man sich sehr gut vorstellen. Auch seine Gefangennahme und die Folterungen, die ihm sein Gläubiger Martin Jäger hat zukommen lassen, sind sehr gut dargestellt. Im Anhang des Buches beschreibt Kühn, dass in den 80er-Jahren die Leiche Oswalds in Brixen gefunden wurde. Untersuchungen anhand der gefundenen Knochen bestätigen diverse Begebenheiten wie Folter, Kriegsverletzungen, extremes Reiten, das hängende Auge, Hunger und Wohlstand.

Was macht Oswald von Wolkenstein heute, 600 Jahre später noch interessant?

Das ist zum einen seine Rolle als Diplomat auf dem Konstanzer Konzil. Dieses dauerte über immerhin vier Jahre (1414 bis 1418). Das Konzil wurde einberufen, weil es zu der Zeit drei Päpste gab, die sich um die Führerschaft stritten. Damit war das mittelalterliche Weltbild gestört, denn es konnte, ja es durfte nur einen Papst geben. König Sigismund fühlte sich dazu berufen, die sogenannte göttliche Ordnung wiederherzustellen, wenn schon die Kirche das selbst nicht schaffte. Dieser tat das nicht ganz uneigennützig, denn er hoffte mit seinem Eingreifen, Kaiser des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation zu werden. Von Wolkenstein war ihm dabei ein wesentlicher Unterstützer. Konstanz war damals eine Stadt von 6000 Einwohnern. Man mag sich vorstellen, was dort los war, als plötzlich an die 70'000 geistliche und politische Würdenträger sich in dem Ort breitmachten. Natürlich kamen auch die ganzen Bediensteten mit dazu, die für den Unterhalt zu sorgen hatten, sofern Konstanz das nicht abdecken konnte. Oswald prangerte in seinen Liedern die Missstände in der Stadt wie zum Beispiel die hohen Preise, Diebstahl, fehlende Unterkünfte und Prostitution an.

Stilbildend und daher bleibt Oswald auch bis heute noch interessant, sind seine Lieder, die wichtig waren für das ausgehende Mittelalter. Man kann ihn als den letzten Minnesänger bezeichnen. Das Rittertum, das sehr hohe Ansprüche an die eigenen Leute stellte, war dem Niedergang und der Verarmung anheimgefallen. Es bildeten sich gesellschaftlich neue Gruppierungen, die faktisch immer mehr das Sagen bekamen. Darunter befanden sich erfolgreiche Händler und Banker. Unter anderem seien die Fugger aus Augsburg hier genannt, bei denen der Kaiser hohe Schulden hatte. Das Singen tat er, weil er es konnte und weil er Lust dazu hatte. Anders, als die wandernden Musiker verdiente er damit kein Geld, sehr wohl aber Anerkennung. Oswald nutzte die Gelegenheiten, um bei den Adligen und Rittern (heute würde man VIP sagen) damit nicht nur für Unterhaltung zu sorgen, sondern auch Politik, Meinungsbildung und Bildung zu betreiben. Er war damit auch Chronist seiner Zeit. Natürlich waren hier auch viele Übertreibungen dabei. Oswald war sicher eine Persönlichkeit, die sich gerne sehr positiv darstellen wollte. Von Wolkenstein muss eine charismatische, interessante, politisch wichtige und auch unterhaltsame Persönlichkeit gewesen sein, die allgemein von grosser Bedeutung war.

Kühn schafft es, auf sprachlich sehr gutem Niveau, mit vielfältigen Perspektivwechseln, gut recherchierten Geschichtsforschungen, journalistischen Fertigkeiten und einem unglaublichen Mittelalterwissen in Sachen Kultur, Literatur und Kunst die Biographie spannend zu halten.

Das Buch ist für den historisch Interessierten sehr gut lesbar. Es ist kein wissenschaftliches, aber in jedem Fall hervorragend wissenschaftlich abgesichertes und dazu wunderbar lesbares Buch.

(Dieser Bericht wurde von Stagiaire S.R. verfasst.)

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