20. Internationale Kurzfilmtage Winterthur

Wir waren dabei!

Kurzfilmtage und Besuch bei Radio Stadtfilter - Filmkritiken und Fotos

Wir haben Filme angeschaut und Filmkritiken geschrieben.

Dadyaa – The Woodpeckers of Rotha

Pooja Gurung, Bibhusan Basnet / Nepal 2016 / 16' 8" / Farbe / Nepalesisch / en UT

Die geschnitzten Geister von Nepal

In einem einsamen Dorf in den Bergen von Nepal leben Atimelay und Devi, ein älteres Ehepaar. Ein guter Freund verlässt das Dorf ohne ein Wort zu sagen. Atimelay und Devi fragen sich, weshalb. Sollen sie auch gehen? Atimelay spricht es immer wieder an und Devi ignoriert dies, denn sie möchte im Dorf bleiben. Die zwei haben eine Methode entwickelt, um an die Menschen zu erinnern, die in diesem Dorf gelebt haben. Sie fangen an, Holzmännchen zu schnitzen und überall im Dorf hinzustellen. Die Holzmännchen kommen mir vor wie Geister, die die Trauer vertreiben sollen. In der Ferne hört man immer wieder die Stimme des guten Freundes, der das Dorf verlassen hat. Es sind auch Trommeln zu hören. Dies finde ich sehr eindrücklich. Ich denke, es ist eine Art, die Trauer zu verarbeiten. Die Landschaft ist sehr karg.

Ich finde diesen Film sehr beeindruckend. Am besten gefallen hat mir, wie die Menschen mit der Verarbeitung der Trauer umgegangen sind.

Der Film ist gut, da er eine Geschichte erzählt, die zum Nachdenken anregt. Wie kann man in einer so kargen und einsamen Landschaft sein Leben verbringen ohne zu verzweifeln.

D. M.

Digital Immigrants

Norbert Kottmann, Dennis Stauffer / Schweiz 2016 / 21' 20" / Farbe & Schwarz-Weiss / Schweizerdeutsch / en UT

Überforderte Helden des Alltags

Kennen Sie die Situation, hoffnungslos überfordert vor dem Computer oder dem Handy zu sitzen, weil das verflixte Gerät nicht will, wie Sie wollen? Genau diese Situationen fängt der Kurz-Dokumentarfilm „Digital Immigrants” der beiden jungen Schweizer Filmemacher Dennis Stauffer und Norbert Kottmann sehr humorvoll, kurzweilig und informativ ein. Es handelt sich dabei um eine kleine, aber feine Filmperle, die anlässlich des diesjährigen Filmfestivals in Locarno seine Premiere feierte. Wunderbar verwebt der Film in fliessenden Übergängen die beiden Zeitebenen 1984 und die Gegenwart. Besonders gelungen ist diese Verschmelzung auch dank der wunderbaren Auswahl von alten Beiträgen über die Anfänge des Heimcomputer-Zeitalters aus dem Filmarchiv des Schweizer Fernsehens. Liebevoll beobachten die Filmemacher eine Gruppe von Senioren, die sich in der Computeria in Bern und Solothurn gegenseitig helfen, den Anschluss ins digitale Zeitalter zu finden. Der Balanceakt, dabei die Senioren nicht der Lächerlichkeit preiszugeben, gelingt haarscharf. Anlässlich der Vorführung während der 20. Internationalen Kurzfilmtage in Winterthur erzählten die beiden Filmemacher, dass die porträtierten Senioren dabei gut über sich selbst lachen konnten.

Der Film löst beim Zuschauer empathische Gefühle für die Nöte der Senioren aus und führt zu vielen Fragen und einer gesunden Selbstreflexion. Wann werde ich in der gleichen Situation wie die Seniorengruppe sein? Bin ich es teilweise schon heute? Welcher Gruppe gehöre ich eigentlich an? Den sogenannten „Digital Natives” oder den „Digital Immigrants”? Sind diese Abgrenzungen nicht fliessend?

Als „Digital Native” bezeichnet man eine Person, die in das digitale Zeitalter hineingeboren wurde und der es deshalb leichter fällt mit den neuen Technologien umzugehen. Der „Digital Immigrant” gehört der Generation an, die diese neuen Technologien erst im Erwachsenen-alter kennengelernt hat.

Wie rasant die Entwicklung dieser Kommunikationstechnologien in den letzten rund 30 Jahren voran geschritten ist, merkt man auf witzige und skurrile Art durch sorgfältig ausgewählte Filmsequenzen aus Informationssendungen des Schweizer Fernsehens um das Jahr 1984 herum. Herrlich die Szene, wo Kurt Schaad einem „schön“ frisierten Kurt Aeschbacher in der 80-Jahre-Vorabend-Sendung „Karussell“ die Bedienung eines Heimcomputers der damaligen Generation demonstriert mit Hilfe von Computersprachen-Befehlen wie Basic und dabei das dicke Bedienungshandbuch zeigt. Ein Klassiker ist natürlich auch wie die Senioren das E-Mail in feinstem Denglisch „Emaille“ nennen (wie Emaille-Schild).

Meine Erkenntnis aus diesem Film ist, dass jeder dieser „Digital Immigrants“ eine Art Held des Alltags ist, weil er sich auf etwas Neues einlässt und der Angst entgegentritt, von der nicht mehr aufzuhaltenden Entwicklungswelle der Digitalisierung überrollt zu werden.

Ich kann den Film sowohl den digitalen Ureinwohnern, als auch den digitalen Einwanderern sehr empfehlen und bin überzeugt, dass sich die Zuschauer in den rund 21 Minuten köstlich amüsieren werden.

Auf Grund des frenetischen Beifalls der Zuschauer an den Winterthurer Kurzfilmtagen nach der Vorführung darf man gespannt sein, ob die beiden talentierten Filmemacher Stauffer und Kottmann nach dieser erfolgreichen Bachelor-Arbeit Ihre gelungene Zusammenarbeit in Zukunft fortführen werden. Zum Beispiel mit einer Art Fortsetzung von „Digital Immigrants“.

Auf die Nachfrage was die beiden als „next big thing“, bzw. nächste Entwicklungsstufe der digitalen Revolution sehen, fällt Ihnen nach längerem Überlegen das aktuelle Buzzword „Big Data“ ein – also die ungeheuren Möglichkeiten und Gefahren der Datenverarbeitung und Datenanalyse von Massendaten. Ich prophezeie den Filmemachern auf jeden Fall eine erfolgreiche Zukunft, wenn die beiden das hohe Level in Sachen Dramaturgie, Storytelling, Recherche von Filmmaterial und überzeugender Kameraführung beibehalten.

Michael Kraus

E.B.C. 5300m

Léonard Kohli / Schweiz 2015 / 15' 0" / Farbe / Englisch / ohne UT

Luxuscamping auf dem Gletscher

Der Film zeigt das Leben und die Organisation der Mini-Stadt E.B.C. auf 5300 Metern im Himalayagebirge, die nur während zweier  Monate im Jahr existiert. E.B.C. regt an zum Nachdenken über die Entwicklung im Extremtourismus, denn diesen Strapazen ist nicht jedermann gewachsen. Auch ist die Rettung auf dieser Höhe mit Helikoptern extrem anspruchsvoll und kann nur von den weltbesten Piloten geflogen werden.

Dieser Film lebt vom Kontrast zwischen dieser vergänglichen Mini-Stadt  und der wilden, mystischen Umwelt, die sie umgibt und zeigt wie sich jeder auf seine Art auf die bevorstehenden Strapazen des Aufstiegs zum Mount Everest vorbereitet. Die Bergsteiger nehmen sogar Musik und LED-Lichterketten mit ins Base Camp.

Das Everest Base Camp beherbergt tausende Bergführer, Sherpas, Köche, Regierungsbeamte und Gäste. Der Schweizer Filmemacher Leonard Kohli beeindruckt in diesem Dokumentarfilm mit spannenden Bildern dieser ephemeren Mikrostadt und ihres mystisch-wilden Umfelds. Leonard Kohli  erhielt sein BA in Fotografie an der Ecole Cantonale d’Art in Lausanne und arbeitet Teilzeit in der Multimedia Abteilung einer Firma sowie an der Entwicklung von neuen, persönlichen Projekten.

E.B.C. ist ein Farbfilm gedreht 2015, dauert 15 Minuten, ist ohne Untertitel, für Jung,  Alt, Naturliebhaber, Umweltschützer  und erweckt den Wunsch nach mehr.  Man sieht  wie die Seilschaften trainieren, die Köche komplexe Menüs zaubern, wie die Innenleben der Zelte sich unterscheiden,  die Weitläufigkeit dieses Gebirges und das makellose Weiss des ewigen Eises, das sich an die Hänge des Himalaya klammert. Entsteht aus der Übervölkerung dieser wildgebliebenen Natur eine Win-Win-Situation für die einheimische Bevölkerung und  entstehen hier Arbeitsplätze auf einem Gletscher? Oder wird hier nur nutzloser Raubbau an der unberührten Natur betrieben?

Harry Bohner

The Hedonists

Zhangke Jia / China 2016 / 26' 0" / Farbe / Mandarin / en UT

Amüsant - Satirisch - Hedonistisch

Der international erfolgreiche Regisseur Jia Zhang-ke, welcher bereits 15 namhafte Werke drehte, hat auch mit seinem neusten Film die Tradition fortgesetzt, die sozio-ökonomische Veränderung in China kritisch zu hinterfragen und zu porträtieren. Obwohl The Hedonist`s viel leichter und fröhlicher daherkommt als z.B. sein bekanntestes Werk A Touch of Sin, ist auch in diesem Kurzfilm die Kritik an der chinesischen Wirtschaft deutlich zu erkennen.

Der originale Titel auf Mandarin bedeutet übersetzt Lebensunterhalt wahren, was exakt das ist, was die drei Hauptakteure zu tun versuchen. Denn zu Beginn des Films sehen wir die Schliessung eines Kohlenbergwerks bei welchem die drei Freunde (ein Koch, ein Minenarbeiter und ein Nachtwächter) arbeiteten. Alle drei werden entlassen, wobei die `Gründe` schon fast trocken ironisch mitgeteilt wurden. Zum Abschied durfte jeder noch etwas geschmortes Schweinefleisch mit nach Hause nehmen. Die drei Freunde begeben sich auf eine Reise die Sie in verschiedene Vorstellungsgespräche führt. Beim ersten werden Sie bereits kritisch auf Ihr mittleres Alter angesprochen – eine Realsatire zu den heutigen Schwierigkeiten wie wir sie auf dem Arbeitsmarkt erleben – und vorgeführt.

Ich habe den Film als Satire auf die Arbeitswelt und im Speziellen auf die sich schnell verändernde chinesische Wirtschaft wahrgenommen. Als Europäer kann ich zwar die dortige Situation nicht gut beurteilen aber nichtsdestotrotz, konnte ich auch Parallelen zu hier ziehen. Zudem hat der Regisseur Jian mit viel Witz und charmanten Hauptakteuren, die Satire die auch als Drama bezeichnet wird, schon fast als Komödie gedreht. Mehrmals musste ich über die etwas unbeholfene Art der drei Freunde lachen und dann gleichzeitig die Ruhe und die Geduld, die sie in der schwierigen Zeit aufbringen, bewundern.  

Das geht so weit, dass man nach Filmende wünscht, der Kurzfilm wäre ein Spielfilm gewesen.

Kevin Andreou

Movements Arising from Different Relationships / Between Regularity and Irregularity II

Masahiro Tsutani / Japan 2015 / 12' 48" / Farbe & Schwarz-Weiss / ohne Dialog / ohne UT

Audio-visuelles Feuerwerk aus Mäusehirnen

Masahiro Tsutani zeigt beeindruckende Bilder basierend auf Signalen von Mäusehirnen und der Interaktion von verschiedenen Partikeln oder Flüssigkeiten. Je nach Nähe zu den hellen Bildpunkten wirken die Bilder wie Aufnahmen eines lebenden Gehirns, oder aber eine Sicht auf die unendliche Grösse des Universums mit den jeweils passenden Geräuschen.  Das Gesehene und Gehörte hängen direkt zusammen, Spannung entsteht vor allem durch die Verknüpfung von Bild und Ton: Je grösser und heller die Punkte, desto lauter und länger werden die dazu passenden Töne. Hier zeigt sich der Einfluss von Tsutani’s anderer Karriere als Musiker, verzerrte Töne werden geschickt in unruhigen und verzerrten Bildern gespiegelt. Wenn das Audio Signal in Störgeräuschen versinkt, werden auch die Bilder harsch und aggressiv – ein Feuerwerk elektrischer Signale für Auge und Ohr.

In knapp 13 Minuten zeigt Masahiro Tsutani ruhige Passagen aber auch harsche oder unruhige Bilder und Töne mit einem unerwarteten Zwischenteil, der an Techno erinnert. Der Film wirkt wie eine visuelle Untermalung einer Entdeckungsreise in experimentelle Musik mit vielen Elementen aus dem Bereich der Noise-Musik. Eine Aussage, Geschichte oder Handlung ist im normalen Sinn nicht vorhanden. Movements Arising from Different Relationships ist eher als technische Entdeckungsreise in Musik, Film und Wissenschaft zu sehen: Die Verbindung von Signalen aus Mäusehirnen zum Film ist interessant aber im Film selber erst im Abspann erwähnt und eigentlich irrelevant für den nicht technisch interessierten Kinobesucher. Das Wissen um die Herkunft der Muster und Bilder macht sie nicht schöner oder bedeutender: Ob echtes Hirn oder zufällige Abfolge scheint keinen Unterschied zu machen. Die unterschiedlichen Teile des Films sind nicht schlüssig zusammen gehalten sondern wirken wahllos aneinander gereiht und passen auch nicht immer zusammen. Tsutanis’s Werk zeigt beeindruckende Bilder, wiederholt diese aber zu lange und die Veränderungen in Bild und Ton sind über weite Teile zu monoton und subtil um wirklich Spannung aufzubauen. Für Fans komplexer Zusammenhänge und technischer Prozesse in Film und Ton lohnen sich die knapp 13 Minuten allemal.

Alexander Häckel

Zurück